Nachhaltige Stadtentwicklung

Marburg ist eine liebenswerte, wunderschöne, alte und zugleich moderne Stadt, in der es sich gut leben lässt. Vor allem die Kernstadt zeichnet sich aus durch unverwechselbare historische Gebäude und am menschlichen Maßstab orientierte Häuser, wie durch das Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten, Studieren und Leben. Mit der kompakten, überschaubaren Struktur ist Marburg eine Stadt der „schönen Sichten“, „der kurzen Wege“ und der vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten. Marburg ist mit seinen verschiedenen Stadtvierteln und Außenbezirken aber auch eine grüne Stadt, mit je eigenen Identitäten und naturnahen Wohnmöglichkeiten. Diese lebendige Vielfalt und hohe Qualität ist unser Maßstab. Sie sind für uns eine große Verpflichtung, für die Zukunft der Stadt auf moderne, ökologische und soziale Ideen, Planungen und Architektur zu setzen: bei den neuen Projekten der Stadtentwicklung, der Erhaltung denkmalgeschützter Objekte, den Einzelprojekten Im Kernstadtbereich sowie bei Maßnahmen in den einzelnen Stadtbezirken und beim Wohnungsbau.

 

  1. Marburg ist im Umbruch. Die wichtigsten Projekte der Stadtentwicklungin den nächsten Jahren sind:

     

    • Gestaltung des neuen Universitätscampus Innenstadt mit dem Bau der neuen Zentralen Universitätsbibliothek (UB) am Alten Botanischen Garten;

    • Bau des neuen Gebäudes des „Deutschen Sprachatlas“ auf dem ehemaligen Brauereigelände am Pilgrimstein;

    • Neubau des Fachbereichs Chemie auf den Lahnbergen;

    • Umbau der Stadthalle zu einem modernen, multifunktionalen Veranstaltungszentrum mit neuen Veranstaltungsräumen für den Kulturladen KFZ;

    • Entwicklung des Nordviertels und der ehemaligen Bahnliegenschaften am Fuße des Ortenbergs mit dem Waggonhallenareal;

    • Umstrukturierung des Bereichs Universitätsstraße, Gutenbergstraße und Schulstraße (Allianzhaus).

     

    Die städtebauliche Planung muss allen Lebenslagen der BürgerInnen gerecht werden. Dabei spielt Barrierefreiheit eine große Rolle, die Vielen nutzt und Niemandem schadet. Neben der Pflege des historischen Stadtbildes sind neue Wege in der Stadtgestaltung erforderlich, die von den Bedürfnissen der hier lebenden Menschen und einem Gleichgewicht zwischen ökonomischer Machbarkeit und Sinnhaftigkeit, ökologischer Verträglichkeit und sozialer Ausgewogenheit geprägt sind.

     

    Wir GRÜNEN wollen

    • bei der Realisierung dieser Projekte die vorhandenen Qualitäten unserer Stadt auf hohem Niveau weiterentwickeln;

    • dafür Sorge tragen, dass das historische Stadtbild nicht beschädigt wird;

    • dass gleichzeitig die Aspekte des sozialen Zusammenlebens und der Barrierefreiheit berücksichtigt werden;

    • und die hohe Lebensqualität sowie gesunde Lebensverhältnisse nicht beeinträchtigt werden;

    • die zukünftigen Generationen durch Folgekosten nicht überfordern;

    • uns deshalb mit aller Kraft dafür einsetzen, dass Magistrat und Parlament ihre Planungshoheit aktiv nutzt, um die besondere Qualität, die Marburg auszeichnet, kreativ weiterzuentwickeln;

    • dafür Sorge tragen, dass in allen Planungsphasen eine umfängliche Beteiligung und Mitentscheidung der BürgerInnen stattfindet und die Veränderungen der nächsten Jahre für Alle transparent und nachvollziehbar werden, durch Bürgerversammlungen, kreative Workshops u.a.;

    • Initiativen und die „Agenda 21“ Arbeitsgruppen als Partner im Stadtentwicklungsprozess beteiligen.

  2.  

  3. Baumaßnahmen orientieren an Ästhetik, Sensibilität und Augenmaß

     

    Baumaßnahmen müssen mit dem in Marburg gebotenen Maß an Ästhetik, Sensibilität und Augenmaß erfolgen. Insbesondere die vielen stadtbildprägenden Ensembles und denkmalgeschützten Einzelbauten bedürfen einer besonderen Berücksichtigung bei künftigen Planungs- und Bauvorhaben. Um eine hochwertige Baukultur abzusichern und weiterzuentwickeln sind abgestimmte und professionelle Arbeitsstrukturen des Denkmalbeirats wie des Gestaltungsbeirats erforderlich. Die GRÜNEN haben mit dem „Beirat für Stadtgestaltung“ Fach- und Kreativitätspotentiale für die Stadt mobilisiert. Dieses von uns in Hessen erstmals eingesetzte Fachforum aus unabhängigen ExpertInnen berät die Gremien der Stadt bei ihren städtebaulichen Planungen. Die Erfahrungen zeigen, dass dieser ehrenamtlich tätige Beirat mit seinen Vorschlägen zur Bauästhetik, zur Aufwertung städtischer Quartiere, zur baulichen Verdichtung sowie zur stilvollen Einordnung moderner Architektur in das historische Stadtbild unverzichtbar für die Qualität der Stadtplanung und Stadtentwicklung geworden ist. Die gewachsenen Anforderungen an den Beirat machen eine Erweiterung seiner Handlungsmöglichkeiten notwendig. Im Haushalt 2010/11 wurden erstmals seit langem wieder Mittel für denkmalpflegerische Maßnahmen außerhalb des Sanierungsgebietes bereit gestellt. Dies soll auch für die folgenden Jahre gewährleistet sein, um EigentümerInnen von denkmalgeschützten Liegenschaften wirksam zu unterstützen und ein Ansteigen der Mieten zu begrenzen.

     

    Wir GRÜNEN wollen

    • den Beirat für Stadtgestaltung weiterentwickeln und mit einem eigenen Budget ausstatten (z.B. um bei größeren und komplexen Bauprojekten eigenständig zusätzliche Beratungs- und Unterstützungsleistungen veranlassen zu können)

    • dem Beirat Darstellungsmöglichkeiten seiner Arbeit eröffnen (Protokollierung und Archivierung, sowie Darstellung der verschiedenen Beratungs- und Umsetzungsprozesse bei den Bauvorhaben - soweit dies rechtlich möglich ist)

    • eine konstruktive Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Architektur in Marburg durch Informations- und Diskussionsplattformen

    • Mittel für denkmalpflegerische Maßnahmen außerhalb des Sanierungsgebietes bereit stellen, um Wohnraum in Denkmal geschützten Gebäuden zu sanieren.

  4.  

  5. Bahnhofsviertel/Nordstadt/Allianzhaus

     

    Vor allem im Bahnhofsviertel und in der Universitätsstrasse werden wichtige bauliche Maßnahmen realisiert.

    In der Nordstadt vollzieht sich ein begrüßenswerter Prozess. Nach der Aufnahme des Viertels in das Stadterneuerungsprogramm haben nun endlich der Umbau des Bahnhofs und die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes begonnen. Gleichzeitig wird ein Verwaltungs- und Kongresszentrum der DVAG gebaut. Mit diesen Vorhaben muss u.E. verbunden sein, dass die Qualitäten dieses Stadtbezirks mit einem breit gefächerten Einzelhandels- und Dienstleistungsangebot sowie Wohnraumangeboten nachhaltig verbessert werden. Dazu zählt für uns auch die Neugestaltung und Begrünung von Straßen und Plätzen, um für AnwohnerInnen und BesucherInnen die Aufenthaltsqualität zu erhöhen.

    Neben der sanierungstechnischen Wohnraumverbesserung soll mit der bauleitplanerischen Ausweisung von neuen Bauflächen das Angebot an preisgünstigem, familienfreundlichem, studentischem und barrierefreiem Wohnraum vergrößert werden. Damit einhergehen soll die Schaffung von begrünten Blockinnenbereichen, die ein geschütztes und erholsames Wohnen gewährleisten können. Wir setzen uns für den Erhalt des selbst verwalteten Studierenden-Wohnprojektes „Bettenhaus“ ein und fordern, dass das Land Hessen und die Stadt Marburg die notwendige Sanierung finanziell unterstützt.

    Wichtig in diesem Bezirk ist auch die Neuordnung und Umnutzung der nicht mehr benötigten Bahnliegenschaften. Die städtebaulich wertvollen Areale sind für die Stadt eine einmalige Entwicklungschance. Die bereits vorliegenden Überlegungen und Studien müssen im Dialog mit BürgerInnen und potentiellen Nutzergruppen dringend öffentlich erörtert, fortentwickelt und durch eine offensive Erwerbs- oder Vermittlungspolitik Schritt für Schritt realisiert werden.

     

    Wir GRÜNEN wollen

    • verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen in diesem Stadtbezirk von Anfang an forcieren;

    • dafür Sorge tragen, dass preisgünstige Wohnmöglichkeiten in sanierten Wohnungen für die derzeitigen Bewohnergruppen bestehen bleiben und neuer preisgünstiger Wohnraum geschaffen wird;

    • die energetische Sanierung des “Bettenhauses“ und die Kontinuität der studentischen Selbstverwaltung sichern;

    • die dringend überfällige Entwicklung des Bahngeländes für kulturelle, gewerbliche und andere Zwecke vorantreiben.

     

    Die Neugestaltung des Allianzhauses im Bereich der Universitätsstraße / Gutenbergstraße muss in direkter Verbindung mit der Sicherung einer lebendigen Oberstadt stehen. Der Erhalt der Oberstadt als Wohn- und Einkaufsbereich kann in seiner für Marburg herausragenden Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das Bauvorhaben ist deshalb immer in diesem Zusammenhang zu sehen: als Ergänzung des kleinteiligen Einzelhandelsangebotes der Oberstadt und in enger Verbindung mit ihr. Das neue Allianzhaus darf keine überdimensionierte und sich quasi ‚selbstgenügsame’ Einkaufsinsel mit allen erforderlichen Alltagsgütern werden, sondern sich seinem Umfeld öffnen und eine Brückenfunktion für die Oberstadt übernehmen. Dazu beitragen könnte das derzeitige Vorhaben, den Fachbereich Jura in das Gebäude zu integrieren. Die Marburger Grünen haben bisher erfolgreich dazu beigetragen große Märkte in Außenbezirken zu verhindern und den innerstädtischen Einzelhandel zu stärken. In diesem Sinne wollen wir auch auf dieses neue Projekt Einfluss nehmen. Das gilt auch für die verkehrliche Anbindung. Es darf keine höheren Verkehrsbelastungen in diesem Bereich geben und nicht mehr Parkflächen entstehen als jetzt vorhanden sind.

     

    Wir GRÜNEN wollen

    • den politischen Entscheidungsspielraum nutzen, für eine an der Oberstadt und der Umgebung orientierte Ergänzung des Kaufangebots;

    • die Anzahl von Parkflächen auf die bisher dort bestehenden begrenzen.

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  7. Stadtteile mit eigener Infrastruktur

     

    Wir setzen auch in Zukunft auf starke Stadtteile/ -bezirke mit eigener Infrastruktur und gewachsenen Strukturen. Das Leben in den Stadtteilen muss für Studierende, Familien mit Kindern, für Seniorinnen und Senioren, für in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen, d.h. für alle Generationen und Gruppen der Gesellschaft attraktiv sein. Wir wollen deshalb die Stadtteile in den Bereichen Wohnen, Leben, Einkaufen und Arbeiten weiter stärken, um weite Wege zu verhindern. Wichtig ist uns hier die Sicherung und der Ausbau einer wohnortnahen Infrastruktur mit Einkaufmöglichkeiten, ambulante und stationäre Pflegemöglichkeiten usw. Für den Bezug zur Gesamtstadt sind die Sicherung und der Ausbau einer umweltverträglichen Verkehrsanbindung der Stadtteile an die Innenstadt erforderlich.

    Die Stadt Marburg versucht mit einem Flächen- und Gebäudemanagement unter dem Schwerpunkt „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ dem drohenden Leerstand in Ortskernen in den Außenstadtteilen zu begegnen. Wir wollen, dass dieser Weg weiter gegangen wird, da so unnötiger Flächenverbrauch verhindert und wertvolle Böden erhalten werden können. Vor allem aber bietet sich so die Chance, die historischen Kerne unserer Stadtteile für Wohnnutzung attraktiv zu halten und für einen Neuzuzug attraktiv zu machen. Es ist unsinnig, Neubaugebiete und unbebaute Flächen im Innenbereich zu bebauen, wenn gleichzeitig ältere Liegenschaften nach und nach immer weniger genutzt werden.

    In Stadtteilen mit einer schwierigen sozialen Struktur müssen die Wohn- und Lebensbedingungen weiter verbessert werden. Insbesondere wollen wir auch die positive Entwicklung der letzten Jahre am Richtsberg, im Waldtal und im Stadtwald weiter unterstützen. Besondere Priorität in diesem Zusammenhang hat auch die Weiterführung des Programms „Soziale Stadt“. Wir GRÜNEN wollen, dass die in der städtebaulichen Rahmenplanung Ockershausen entwickelten Ziele schrittweise umgesetzt werden und die dort empfohlene Erarbeitung einer Entwicklungskonzeption in Angriff genommen wird. Hierzu gehört auch, das Wohnumfeld für Kinder und Jugendliche und die Anbindung an die Stadt besser zu gestalten.

     

    Wir GRÜNEN wollen

    • wohnortnahe Infrastrukturen erhalten bzw. wiederherstellen;

    • die Nutzung leer stehender Häuser in den Ortskernen attraktiver machen;

    • unnötigen Flächenverbrauch und die damit einhergehende Versiegelung verhindern;

    • die sozialstrukturelle Bedingungen in den Stadtteilen Stadtwald und Waldtal weiter verbessern, wie dies im Zusammenhang mit dem Programm „Soziale Stadt“ am Richtsberg erfolgreich geschah.

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  9. Neuen Wohnraum schaffen, vorhandenen besser und gerechter nutzen

     

    Der vorhandene Wohnraum muss besser, effektiver und gerechter genutzt werden, zusätzlich muss neuer Wohnraum geschaffen werden. GRÜNES Ziel ist es, dafür ein Kommunales Handlungskonzept Wohnen auszuarbeiten, bei dem die folgenden Schwerpunkte berücksichtigt sind:

    Als Universitätsstadt benötigt Marburg dringend mehr preiswerten Wohnraum für eine wachsende Anzahl von Studierenden. Dazu gehören sowohl Wohnheime wie private Zimmer, Wohnungen für Wohngemeinschaften, aber auch innovative Formen studentischen Wohnens wie „Alt-Jung-Projekte“, selbst organisierte Projekte usw. Ein erster Schritt zur Unterstützung bei der Wohnungssuche soll eine Internet-Plattform „Marburger Wohnungsbörse“ sein, auf der Studierende inserieren und Vermieter ihre Wohnungsangebote platzieren können. Bei der künftigen Nutzung des Kreis-Job-Center (KJC) Gebäudes an der Uferstraße müssen u.E. die Bedürfnisse der Studierenden berücksichtigt werden. Neben der Sanierung des Bettenhauses (s.o.) ist bei der Entwicklung des Nordviertels studentischer Wohnraum zu entwickeln, z.B. könnten im Bereich Ernst-Giller- Straße auch Sanierungs- und städtische Mittel eingesetzt werden.

    Preiswerte und barrierefreie Wohnungen für ältere und behinderte Menschen in den Stadtquartieren sind in Marburg zunehmend Mangelware. Für uns GRÜNEN müssen dringend in Kooperation mit den Wohnungsbaugesellschaften für diese Personengruppe angemessene Wohnungen geschaffen werden. Darüber hinaus soll im Rahmen des Projekts „Wohnungstausch“ darauf hingewirkt werden, dass ältere Menschen, die inzwischen alleine in großen, in Teilen ungenutzter Wohnungen oder Häuser leben, diese mit attraktiven kleineren Wohnungen tauschen können. Für junge Familien schafft dies Möglichkeiten für stadtnahes Wohnen. Ein kommunales Handlungskonzept Wohnen muss auch Modelle autofreien bzw. stellplatzfreien Wohnens umfassen, wie auch genossenschaftliche Projekte und Baugruppen. Fördern wollen wir auch innovative Ideen für preisgünstigen Miet- und Eigentumswohnbau, insbesondere für Familien mit geringerem Einkommen. Gleiches gilt für integrative Wohnformen von Jung und Alt. Wir setzen uns dafür ein, dass es in den Stadtquartieren preisgünstigen Wohnraum für Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, Altersgruppen und Nationalitäten gibt. Deshalb werden wir auch am sozialpolitischen Auftrag an die GeWoBau festhalten und eine renditeorientierte Geschäftspolitik nicht zulassen.

     

    Wir GRÜNEN wollen

    • uns für eine Internetplattform „Marburger Wohnungsbörse“ einsetzen

    • die Ausweitung des Wohnungsangebots für Studierende vorantreiben

    • in Kooperation mit den Wohnungsbaugesellschaften den Bedarf an preiswerten barrierefreien Wohnungen decken

    • dafür Sorge tragen, dass für Personen und Familien mit geringerem Einkommen hinreichend angemessener Wohnraum zur Verfügung steht

    • innovative Wohnformen unterstützen und fördern, die intergeneratives und nachbarschaftliches Wohnen realisieren wollen.